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Unser Verband wird 100

2024 ist ein besonderes Jahr für Menschenrechte und Demokratie. Ganz Deutschland feiert 75 Jahre Grundgesetz! Und bereits 25 Jahre vor diesem historischen Meilenstein wurde der Deutsche Paritätische Wohlfahrtsverband gegründet, der sich für Demokratie und Menschenwürde stark macht.

Seit 100 Jahren steht „Der Paritätische“ für eine „demokratische, offene, vielfältige Gesellschaft, an der alle Menschen gleichwürdig teilhaben und Schutz erfahren – unabhängig von Hautfarbe, Geschlecht, sozialer oder ethnischer Herkunft, Alter, Religion oder Weltanschauung, sexueller Identität, materieller Situation, Behinderung, Beeinträchtigung, Pflegebedürftigkeit oder Krankheit“ (Zitat: Homepage). Die Mitgliedsorganisationen verbindet die Idee der Parität, der Gleichwertigkeit aller in ihrem Ansehen und ihren Möglichkeiten.

Das Sozialwerk ist stolz auf die Mitgliedschaft im Paritätischen und gratuliert herzlich zum 100. Geburtstag.

 

Eine Vision wird Realität

25 Jahre „Haus Noah“ – ein Leuchtturmprojekt in der Suchtkrankenhilfe für Bremen

Der Tag ist noch jung. Doch die Sonne strahlt prächtig vom fast wolkenlosen Himmel, die blauen Balkone des mehrgeschossigen Hauses Ellerbuschort 15 glänzen im hellen Tageslicht. Ein selten schöner Morgen in diesem feuchten Sommer 2023. Einige Bewohner des Hauses genießen bereits die wärmende Sonne. Freundlich nicken sie den Passanten zu.

„Rentner, die haben es gut“, mag so mancher beim Vorbeigehen denken. Tatsächlich wirkt dieses Gebäude auf den ersten Blick wie ein ganz normales Wohnhaus – mit Menschen, die sich an diesem Morgen womöglich vom stressigen Alltag erholen. Menschen, die womöglich ihren Ruhestand auskosten, unabhängig von Zeit und Raum. 

Doch das Idyll täuscht. Die Frauen und Männer, die auf den Balkonen  von „Haus Noah“ – so prangt es auf großen Lettern über der Eingangstür – die Sonne genießen, sind zuvor durch die Hölle gegangen. Ihr Leben war aus den Fugen, in eine Schieflage geraten. Der Alkohol hatte die Macht über ihr Leben gewonnen, beherrschte ihren Alltag. Jetzt kämpfen sie in „Haus Noah“ tagtäglich um ihre letzte Chance, zurück in ein trockenes und möglichst selbstbestimmtes Leben zu finden.

Im März 1998 eröffnete das Sozialwerk der Freien Christengemeinde „Haus Noah“ als Fördereinrichtung für Menschen mit schwerer Alkoholerkrankung. Die meisten leiden an dem sogenannten Korsakow-Syndrom. Es ist heute kaum vorstellbar, dass „Haus Noah“ damals die erste Einrichtung dieser Art in Bremen war. Doch bis in die 90iger-Jahre galten Korsakow-Patienten als „nicht mehr therapierbar und nur noch dauernd zu verwahren“. Ihren Lebensabend verbrachten sie in der Regel in psychiatrischen Krankenhäusern oder verschwanden irgendwo in Altenheimen. „Satt, sauber und trocken“, lautete damals die Devise.

Heinz Bonkowski, Mitbegründer und damaliger Leiter des Sozialwerks, erinnert sich noch gut an die Zeit. „Wir hatten 1982 die Heimstätte am Grambker See eröffnet und dort auch suchtkranke Menschen aufgenommen. „Dass wir das gut machen, hatte sich bis zur Psychiatrie in Bremen-Ost herum gesprochen. Außerdem wollte dort niemand mehr Menschen aus Bremen in Kleinstgruppen nach Niedersachsen abschieben.“

Heinz Bonkowski hatte 1979 zusammen mit der Freien Christengemeinde das Sozialwerk gegründet. Seine Vision: hilfsbedürftige Menschen annehmen, wie sie sind, und ihnen einen wertvollen Platz in der Gesellschaft geben. Die Eröffnung von „Haus Noah“ war da nur logisch. In dem ehemaligen Hotel Bollmann, im Ellerbuschort 15, fanden Heinz Bonkowski und sein kongenialer Partner Armin Hein („Ich hatte die Visionen und Armin war das Finanzgenie“) den idealen Ort. „In dem Haus brachten wir zuvor schon Spätaussiedler und jüdische Zuwanderer aus Russland unter.“ Nach einer umfassenden Renovierung wurde „Haus Noah“ im März 1998 eröffnet. Vier Wochen später waren die 24 Appartements belegt.

Angesichts der Schicksale dieser Menschen von einer Erfolgsgeschichte zu sprechen klingt für mache Ohren sicherlich makaber – und doch ist das „Haus Noah“ eine Erfolgsstory. Keine weiß dies besser als die Leiterin der Einrichtung, Beate Rettig. Die 63-jährige Diplom-Sozialpädagogin gehört seit 2002 zum neunköpfigen Noah-Team und löste 2004 Anneliese Lindemann als Leiterin ab. „Menschen, die durch die die „Rund-um-die-Uhr-Arbeit“ zurückfinden in den eigenverantwortlichen Alltag, sind Belohnung für die aufzehrende aufopferungsvolle Tätigkeit.“  Auch nach mehr als zwei Dekaden ist Beate Rettig von ihrer Arbeit fasziniert.  „Ich habe in all den Jahren so viele besondere Menschen kennengelernt – Menschen, die mich fasziniert haben. Wenn sich diese Menschen öffnen, dann sind das ganz große Schätze.“

Doch bis sich diese Menschen öffnen, ist es oft ein sehr, sehr langer Weg. Und nicht immer endet dieser Weg zurück in der Normalität. „Die Menschen, die ins Haus Noah einziehen, sind die Stärksten“, sagt Beate Rettig. Diese Menschen kämpfen, haben sich noch nicht aufgegeben, suchen Hilfe. Wer ins Haus Noah kommt, hat alles verloren – den Arbeitsplatz, die Wohnung, meistens den Kontakt zu Partnern, zu den Kindern. Letzte Ausfahrt Grambke!

Deshalb ärgert Beate Rettig eines ganz besonders: die Stigmatisierung der alkoholsüchtigen Menschen. „Die sind weder doof noch dumm, sie sind krank – und wir müssen ihnen helfen.“

 „Satt, sauber, trocken“ ist ein Betreuungsziel aus längst vergangenen Tagen. Heute werden Korsakow-Patienten individuell oder in Kleingruppen begleitet und gefördert.  Wesentliche Bestandteile der Arbeit sind von Anfang an ein alkoholfreies Haus, eine geregelte Tages- und Wochenstruktur mit Arbeitszeiten, Ruhepausen und gemeinsamen Freizeitaktivitäten. Dazu gehören auch lebenspraktische Fähigkeiten wie etwa Einkäufe oder Busfahrten. „Durch den jahrzehntelangen Alkoholmissbrauch sind bestimmte Zellen und Bereiche des Gehirns zerstört worden. Darunter leidet insbesondere das Kurzzeitgedächtnis“, erzählt Beate Rettig. Worte, Belehrungen und Erklärungen nutzen wenig, weil sie schnell vergessen werden. Hauptsächlich  durch eigenes Tun und Handeln lernen die Bewohner – die laut Bundesteilhabegesetz eigentlich politisch korrekt Nutzer: innen genannt werden müssen. Unterstützt werden sie dabei durch tägliche therapeutische Anleitung und ergo-therapeutische Übungen.  Die meisten Bewohner leider unter einer Co-Morbidität. Sie sind nicht nur alkoholkrank, sondern leiden beispielsweise auch unter Depressionen, Angst- und Panikstörungen, Essstörungen, Persönlichkeitsstörungen; dazu kommen körperliche Erkrankungen. 

„Anschaffen, konsumieren, ausschlafen“ – so prägnant beschreibt Beate Rettig den Alltag eines schwerstalkoholkranken Menschen. Die Wohnung aufräumen, Essen kochen, gar Kontakte pflegen – nichts von alledem ist diesen Frauen und Männern noch möglich. Deshalb geht die Einrichtungsleiterin in den Vorstellungsgesprächen auch nicht auf die Verweildauer ein.  Wenn es gut laufe, können einige nach drei bis vier Jahren in „Haus Noah“ in eine eigene Wohnung zurückkehren. Wer gezielt danach fragt, der bekommt eine Antwort. Eine Antwort, die die meisten Betroffenen zunächst einmal erschrickt. „So lange …“

Doch wenn die Frauen und Männer wieder in den verschiedenen Werkstätten des Sozialwerks arbeiten, sie ihre tief vergrabenen Talente freilegen und sie ihr Selbstwertgefühl wiedergefunden haben und bereit sind, Kontakte zu ihren Angehörigen aufzunehmen, sind sie in „Haus Noah“ endgültig angekommen.

Nicht ohne Grund hatten die Gründerväter dem Domizil im Ellerbuschort den Namen Noah gegeben. „Viele wissen nur, dass Noah etwas Gutes getan hat, aber Noah war auch ein Säufer“, sagt Heinz Bonkowski. Noah baute nicht nur die Arche, sondern legte neben Feldern auch einen Weinberg an – und wie es im Buch Mose beschrieben ist, sprach der dem Rebensaft auch ordentlich zu. Doch die Bibel berichtet auch vom würdevollen Umgang der Söhne Sem, Ham und Jafet mit dem betrunkenen Vater. Die Brüder halfen ihrem Vater, wie „Haus Noah“ alkoholkranken Menschen hilft – seit einem Vierteljahrhundert.

Michael Thurm

Junk Journaling

Ich bin ein wenig aufgeregt, als ich am Freitag um 12 Uhr die Tagesstätte Nord betrete. Elke, die Leiterin einer kleinen Gruppe bastelbegeisterter Frauen, hat mir davon erzählt, dass Susanne zu Gast ist. Sie ist erfolgreiche YouTuberin zu genau dem Thema, für das die Gruppe sich begeistert: Junk Journaling. Ich habe natürlich in ein paar Videos von Susanne reingeschaut, die unter dem Namen „Bollenhut Art“ ihre Filme veröffentlicht. Sie ist mir sofort sympathisch mit ihrem badischen Dialekt, ihrer kreativen Erscheinung und ihrer freundlichen Ansprache. Und so erkenne ich sie sofort, als ich den Raum  betrete, wo die Gruppe eifrig zugange ist. Ich bin unsicher, ob ich nicht störe. Doch ich werde sofort herzlich willkommen geheißen, darf gucken, fragen, fotografieren und zuhören. Ich fühle mich gleich wohl in der kleinen Gemeinschaft und werde sogar eingeladen, mit zu basteln. Gerade werden Cluster hergestellt. Das sind kleine Bastelelemente aus Papier, Stoff, Bändern – was so gerade ins Auge fällt – und werden mit Draht und Perlen zu einem kleinen Kunststück zusammengenäht oder -geklebt. Je ein kleines Element wird dann auf einem Briefumschlag platziert und verdeckt so die Adresse der Ersttagsbriefe, die „Frau Bollenhut“ im Internet ersteigert und für die Gruppe mitgebracht hat.

Junk Journaling in der Tagesstätte Nord

Ein umgestalteter Ersttagsbrief

So verziert, ist ein solcher Briefumschlag ein Element unter vielen in einem Junk Journal. Dies bedeutet wörtlich übersetzt so viel wie Müll-Zeitschrift. Tatsächlich entstehen jedoch sehr individuelle und wunderschöne Kunstwerke aus vielfältigen Materialien. Man werde süchtig danach, überall Material zu sammeln, erfahre ich. Gebrauchte Einpackpapiere, alte Bücher, Zeitschriften, Geschenkpapiere und vieles mehr – alles kann verwendet werden. Außerdem zieren ausgestanzte Motive, Aufkleber und vieles mehr die Kunstwerke. Und dann kann auch noch gemalt, gestempelt, gespachtelt und geklebt werden. Da sind der Phantasie keine Grenzen gesetzt. So entstehen Karten, Leporellos, Geschenktaschen oder sogar ganze Bücher. Nachhaltig ist das Hobby obendrein, denn eigentlich kann fast alles verwendet werden, was sonst weggeworfen würde.

Ich sehe gleich, dass diese Basteltechnik für die fünf Frauen nichts Neues ist. Tatsächlich beschäftigt sich die Gruppe schon seit vielen Jahren mit dem Thema. Die Gruppe wurde vor etwa 15 Jahren gebildet. Das Angebot orientierte sich nach Möglichkeit an den Wünschen und Fähigkeiten der Teilnehmer*innen. Themen ergaben sich aus dem Jahresverlauf: Kerzengießen, Windlichter, Laternen basteln im Herbst, Gestecke in der Advents- oder Osterzeit, Weihnachtsdekoration. Aber auch jahreszeitlich ungebundene Arbeiten wie Schmuck, Schalen, Mobiles und vieles mehr wurde gefertigt. Nachhaltigkeit und Upcycling war immer wieder Thema in der Gruppe: Was ist an Materialien vorhanden und was kann daraus hergestellt werden? Papier, Eierkartons, Stoffe, Garne, Schnüre, Naturmaterialien – all dies gehörte zur Grundausstattung  der Bastelgruppe. Kleber, Farben, Perlen mussten hinzugekauft werden. Das Themenfeld Collage war in der Bastelgruppe immer sehr beliebt. Eine Annäherung an das Thema „Junk Journaling“ erfolgte mehrfach mit Kurzseminaren im Rahmen der damaligen Sommerakademie (Die Sommerakademie wurde jährlich von der Tagesstätte Nord organisiert und für den Stadtteil geöffnet.) In dem davon unabhängigen Buchprojekt „24 Stunden von 365 Tagen“ traf sich eine Gruppe von Frauen über den Zeitraum eines Jahres einmal monatlich für zwei Stunden. Es entstanden Collagen, Texte oder Bilder aus dem Erlebten oder Erträumten der Teilnehmenden. Diese wurden in ausrangierte Bücher eingefügt und so entstanden neue, kreative Kunstwerke. Die NORDDEUTSCHE berichtete damals darüber.  Seit zwei Jahren nun besteht die aktuelle „Junk Journaling“-Gruppe – mit zunehmender Begeisterung.

Die kleine Runde plaudert und bastelt und die Zeit vergeht wie im Flug. Fehler, Missgeschicke, Widrigkeiten werden gelassen kommentiert und weiter geht’s; wenn sich eineVorstellung und Idee nicht umsetzten lässt oder wenn es schief läuft – wenn etwa im Eifer falsche Seite zugeklebt oder Farbreaktionen falsch eingeschätzt wurden – findet sich ein neuer Weg der Gestaltungsform: Sogenannte „Fehler“ werden rückblickend zu einem Bestandteil des kreativen Gestaltungsprozesses.

Junk Journaling in der Bastelgruppe der Tagesstätte Nord

Junk Journaling 

Mittagessen. Wir sitzen gemeinsam an einem Tisch im Wintergarten und löffeln leckere, frisch gekochte Gemüsesuppe. Ich habe Gelegenheit, Susanne zu fragen, was sie sonst noch so macht und wie sie zu einer YouTuberin wurde. Sie erzählt mir, dass sie als voll berufstätige Frau auf der Suche nach einem Nebenjob war, der ihr einen Ausgleich zu ihrer Arbeit als technische Zeichnerin geben sollte. Sie begann, Aquarellbilder zu malen und stieß dann auf das Junk Journaling, das zu dieser Zeit nur auf amerikanischen Kanälen zu finden war. Dies faszinierte sie sofort und sie begann, einen eigenen Kanal mit Anleitungen für „Junk Journaling“ auf YouTube zu produzieren und zu veröffentlichen. Inzwischen ist sie so erfolgreich, dass sie tatsächlich Geld damit verdient – was nicht so ganz einfach ist, wie ich erfahre. Seit 2020 filmt sie sich selbst bei der Kreativarbeit, schneidet und vertont die Filme und stellt sie bei YouTube ein. Sie hat inzwischen über 8000 Fans, die ihren Kanal abonniert haben. Sie schreibt dazu: „Was mich wirklich sehr glücklich macht, ist die Tatsache, dass ich durch meine Videos jetzt schon sooo vielen Menschen Inspiration geben durfte und das Feedback, welches ich in lieben Kommentare lesen darf, freut mich jeden einzelnen Tag.“

Die Einladung in die Gruppe der Tagesstätte Nord ist erst die zweite Veranstaltung, an der Susanne teilnimmt. Sie erzählt mir, dass sie den direkten Kontakt zu ihren Followern jedoch sehr schätzt und dass sie deshalb gern der Einladung von Elke in den hohen Norden gern gefolgt sei. Diese hatte schon eine ganze Weile die Aktivitäten der YouTuberin aus dem Schwarzwald verfolgt und den Kanal auch ihrer Bastelgruppe empfohlen. Elke erzählt: „Als ich Susanne das erste Mal zu diesem Thema auf You Tube sah, hat mir ihre Arbeit sofort gefallen. Ich war so angetan, dass ich ihre Videos den Bastelteilnehmerinnen empfohlen habe. Ich fand ihre Videos wunderbar unterhaltsam und gleichsam inspirierend, sie sind Einsteiger, Fortgeschrittene und Profis geeignet,  sehr gut veranschaulicht und unglaublich vielfältig in den Ausarbeitungen.“

Bollenhut Art Junk Journaling

„Frau Bollenhut Art“ in der Tagesstätte Nord

Auch bei den anderen Teilnehmerinnen der Bastelgruppe stießen die Videos auf regen Anklang. Als Susanne ein Preisausschreiben ausschrieb, machte eine der Teilnehmerinnen mit und gewann den dritten Platz: ein Karton voller Bastelmaterial für das geliebte Hobby. Die Freude war groß, sie bedankte sich überschwänglich bei „Frau Bollenhut“ und erzählte von ihrer Bastelgruppe und der engagierten Leiterin Elke. Prompt überraschte die YouTuberin Elke mit der Zusendung eines weiteren Bastelpakets. „Es wäre doch schön, wenn Susanne bei unserem Treffen dabei wäre“, war der Wunsch, der aus der Gruppe heraus entstand. Jasmin schickte Bilder der Arbeiten und des Basteltisches an Susanne. Susanne fand die Arbeiten gut und bekam ebenfalls Lust, diese Gruppe einmal kennenzulernen. Elke setzte sich mit Susanne in Verbindung und lud sie ein, die Bremer Gruppe doch einmal besuchen zu kommen. Und so geschah das für alle Unfassbare: Susanne sagte zu, fand bei Elke ein Übernachtungsquartier und verbringt nun den Tag in der Tagesstätte Nord.

Nach dem gemeinsamen Mittagessen ist es Zeit für eine Zwischenbilanz. Wo stehe ich gerade, wie geht es mir damit und was liegt mir sonst noch auf dem Herzen? Jede Teilnehmerin kommt zu Wort und es entsteht ein warmherziges und offenes Gespräch über das, was das Junk Journaling so mit jeder einzelnen macht: Wie durch das Basteln eine enge Freundschaft entstanden ist; wie es hilft, die eigenen Vorstellungen loszulassen und mit dem zu arbeiten, was da ist; wie man damit umgeht, wenn etwas daneben geht und man improvisieren muss. Gemeinsames Hobby und persönliche Anliegen verschmelzen. Es wird offen erzählt und geteilt. Von dem bevorstehenden Praktikum und welche Hoffnungen und Ängste mit dem Wiedereinstieg in die Arbeitswelt verbunden sind. Von Räumen, die für das liebgewordene Hobby erobert wurden. Wir fühlen uns sehr miteinander verbunden und ich bin tief berührt von der Freundlichkeit und Annahme, mit der hier jede so sein kann, wie sie ist. Und ausnahmslos jede der Frauen ist überwältigt und dankbar für den Besuch von Susanne alias „Frau Bollenhut“. Sie hat ihrem Besuch in der Tagesstätte ein eigenes Video auf ihrem Kanal gewidmet. Dies ist abrufbar auf https://www.youtube.com/watch?v=DmK1bG-7Ciw.

„Die vielen Eindrucke des Treffens wirken nach“, fasst Elke den besonderen Tag zusammen. „Wir sind inspiriert und dankbar für Susannes Besuch. Einfach großartig – wie sie ist, was sie macht und was sie bewirkt.“ So ein gelungenes Ereignis verlangt nach einer Fortsetzung. Und so ist ein weiteres Treffen mit Susanne für Herbst nächsten Jahres geplant – diesmal mit etwas mehr Zeit und einer Ausstellung der erarbeiteten Projekte am Ende des Workshops.

Dorothea Salzmann-Schimkus, Elke Oksas

 

Care Leaver

Care Leaver sind Jugendliche und Erwachsene, die einen Teil ihres Lebens in einer Pflegefamilie, Wohngruppe oder anderen Wohnformen der Jugendhilfe gelebt haben. Care Leaver müssen heute früher selbstständig werden, als das noch vor einigen Jahren der Fall war. Mit spätestens 21 Jahren werden sie ins Erwachsenen-Dasein entlassen – so hat es der Gesetzgeber beschlossen. Doch was passiert mit ihnen, nachdem sie die Pflegefamilie oder die stationäre Jugendhilfeeinrichtung verlassen haben? Kommen sie im Leben zurecht?

Die Studie „Care Leaver Statistics I Soziale Teilhabe im Lebensverlauf junger Erwachsener“ (CLS-Studie) ist die erste Langzeituntersuchung zum Verlassen der stationären Kinder- und Jugendhilfe.

Die Studie ist als bundesweite Langzeitstudie angelegt und findet im Zeitraum zwischen 2021 und 2030 statt und untersucht die Teilhabemöglichkeiten von jungen Erwachsenen im Übergang ins Erwachsenenleben. Erste Ergebnisse sollen in diesem Jahr (2023) vorliegen.

Seit Langem beklagte man einen Mangel an Daten über die jungen Menschen, die in Jugendhilfeeinrichtungen betreut wurden und ins Erwachsenenleben entlassen wurden. So wurde eine Langzeitstudie in Auftrag gegeben. Sie geht über sieben Jahre. In sieben „Wellen“ werden 16- bis 19-Jährige über alle Bereiche des Lebens befragt. Was unterstützt dich im Erwachsen- und Selbstständig-Werden? Wie gelingt Teilhabe? Wie ist deine Entwicklung? Hast du Arbeit oder/und einen Nebenjob? Wie sieht es mit sozialen Beziehungen aus? Über welches Netzwerk verfügst du? Wie steht es um deine Gesundheit? Wie hoch ist dein Einkommen? Wo und wie wohnst du? „Wir wissen immer noch zu wenig über die Lebensverläufe von Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die die Jugendhilfe verlassen,“ sagt der an der Studie beteiligte Prof. Dr. Wolfgang Schröer von der Universität Hildesheim.

Für die Studie wurden 1000 Jugendliche aus Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe sowie 1000 Jugendliche aus Pflegefamilien ausgewählt und angefragt. Ein Fragebogen wurde entwickelt. Die Befragung erfolgt über Infas persönlich oder telefonisch.

Im CLS-Forschungsverbund arbeiten Wissenschaftler:innen vom Institut für Sozial- und Organisationspädagogik der Universität Hildesheim, vom Deutschen Jugendinstitut, der Gesellschaft für innovative Sozialforschung und Sozialplanung und der Internationalen Gesellschaft für erzieherische Hilfen zusammen. Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, fördert die Studie.

Am 4. Juli 2022 besuchte Katharina Brüchmann, wissenschaftliche Mitarbeiterin des GISS, die Jugendwohngruppe Ju-Com, um Damian im Rahmen eines Pre-Tests zu befragen. Er hatte sich bereit erklärt, an dieser Studie mitzuwirken. Noch wohnt er in der Ju-Com, einer Wohngemeinschaft für Jugendliche, die in der Phase des Selbstständig-Werdens sind und dabei begleitet und angeleitet werden. Inzwischen ist ein Jahr vergangen und Damian wird in demnächst die Einrichtung in Vegesack verlassen.

 

Care Leaver

„Das Leben ist wertvoll. Man sollte jede Sekunde genießen.“

Das ist Damians Einstellung zum Leben. Trotzdem er es nicht immer leicht hatte, ist seine Haltung dem Leben gegenüber positiv;  er ist neugierig und erwartungsvoll.

Damian wohnt in der Jugend-WG Ju-Com. Er ist einer der Jugendlichen, die sich für die Befragung zur Verfügung gestellt haben. Er geht offen mit seiner Situation um und möchte damit anderen helfen, mit ihren Problemen fertig zu werden. Damian sieht auch in schwierigen Situationen Chancen, durch Erfahrungen zu lernen und voranzukommen.

Seinem Auszug, also dem „Care Leaving“ sieht er hoffnungsvoll entgegen. Er freut sich auf die Eigenständigkeit und hat schon feste Pläne, wie es nach seinem Schulabschluss weitergehen soll.

Foto oben: Mantas Hesthaven auf Unsplash
Foto links: Dorothea Salzmann-Schimkus

 

 

 

CO₂-Fußabdruck im Sozialwerk

Klar, bei den größten Verursachern von CO₂-Emissionen denkt man eher an China, VW oder irgendwelche Kohlekraftwerke und nicht zuerst an das Sozialwerk. Doch auch in gemeinnützigen Unternehmen fallen Emissionen an und damit ergeben sich auch dort Einspar-Potentiale.

Als damals einziges Sozialunternehmen in Bremen startete das Sozialwerk im Dezember 2021 im Rahmen des Klimaschutzprojekts des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes eine Evaluierung. Mit Hilfe eines Fragebogens wurden viele Stellschrauben ermittelt, an denen man drehen kann, um nachhaltiger zu werden.

Klimaschutz in der sozialen Arbeit stärken

Klimaschutz in der sozialen Arbeit stärken

Fragen nach dem Wasserverbrauch, oder der Herkunft des Kaffees tauchten genauso auf, wie die nach dem Fleischverzehr, den Fahrzeugen oder dem Energieverbrauch der Geräte.

Aktuell emittiert die Zentralküche, die zum Start des Nachhaltigkeitsprojekts als erstes untersucht wurde, 1.223 Tonnen CO₂ im Jahr. Und während im Sozialwerk bereits eifrig an Verbesserungen gearbeitet wurde, machten viele weitere Einrichtungen beim Projekt mit, so dass zum Herbst 2022 über 60 Standorte bundesweit dabei waren, davon fünf allein aus Bremen.

Inzwischen wurden im Sozialwerk viele Verbesserungen umgesetzt, etwa der Einsatz neuer, stromsparender Geräte, mehr vegetarische Gerichte in der Küche, der Einsatz saisonaler und regionaler Produkte und Mehrweggeschirr. Auch an vermeintliche Kleinigkeiten, wie das Papiersparen durch mehr Digitalisierung wurde gedacht.

Während nun alle zwei Monate zusammen mit anderen Teilnehmenden und den Projektverantwortlichen in Online-Meetings über weitere Schritte gesprochen wird, wartet das Sozialwerk aktuell auf die Auswertung. Also darauf, was die bisherigen Maßnahmen gebracht haben.

Und bis dahin, liegt es auch ein jedem einzelnen, CO₂ einzusparen und so ein Teil der Bewegung hin zu mehr Nachhaltigkeit zu sein. Weniger Fleisch essen, bewusster einkaufen, Mails statt Ausdrucke verwenden und – ganz banal – einfach mal das Licht ausmachen, wenn es hell genug ist.

Es ist viel zu tun, packen wir’s an!

Florian Priemel

 

Mit einer Pfeife geehrt

Sie gehen auf Wanderschaft – um die Welt zu sehen, um zu lernen und um „den Meister zu machen“. In vielen Handwerksberufen gibt es die Wanderjahre eines Gesellen, doch im Zimmerhandwerk sind sie am bekanntesten. Die jungen Männer, mit einer auffälligen „Kluft“ gekleidet, über der Schulter einen Stab, den Stenz, mit einem Bündel, dem Charlottenburger, daran, in dem all ihr Hab und Gut verstaut ist, wandern von Ort zu Ort, weltweit, um durch ehrliches Handwerk ihr tägliches Brot und eine Unterkunft zu verdienen. Seit vielen Generationen gibt es diese Tradition. Mit ihren Bräuchen und Regeln des „Tippelns“ muten an wie aus einer anderen, längst vergangenen Zeit.

Hans arbeitet seit Sommer 2022 in der Holzwerkstatt der ArBiS. In einer feierlichen Zeremonie wurden er und elf seiner Mitbrüder des Roland-Schachtes – so heißt die Bruderschaft, der er angehört – mit der Pfeife geehrt. Zimmerleute, die die drei Wanderjahre absolviert und weitere drei Jahre einheimisch gewesen (also nach Hause zurückgekehrt sind), sind dafür qualifiziert, eine Pfeife zu erhalten. Aus diesem Anlass kamen am 1. April 2023 84 Rolandsbrüder auf seinen Hof im Blockland und es gab ein großes Fest mit insgesamt 120 Menschen. „Das Fest war sehr emotional. Es ist eine große Ehre, die Pfeife zu bekommen“, erzählt Hans. „Das Wiedersehen mit den Rolandsbrüdern und die gemeinsame Feier bei mir zu Hause – das war mega schön.“

Hans hat seine Ausbildung bei der Firma Cordes in Walle gemacht. Anschließend ging er zum Zivildienst nach Cuxhaven. Er verrichtete dort Hausmeistertätigkeiten und beherbergte auch einmal einen wandernden Gesellen. Es waren wohl diese beiden Aspekte – zum ersten Mal von zu Hause weg und den wandernden Gesellen zu erleben – , die ihn auf den Gedanken brachten, selbst auf Wanderschaft zu gehen. Wer auf Wanderschaft gehen will, so erfuhr er, muss schuldenfrei und nicht vorbestraft sein, er sollte unter 27 Jahre alt sein und einen Gesellenbrief vorweisen können, muss ledig und kinderlos sein. Mit diesen Voraussetzungen sollte der wandernde Geselle seine Wanderschaft beginnen und beenden. Hans suchte und fand einen „Export-Gesellen“, der ihn mit sich nahm, um ihn in die Wanderschaft einzuführen. „Ich gehe aber nach Norwegen“, wandte dieser ein. Hans war es recht. Es war dann in Oslo soweit, dass seine Aspirantenzeit (Probezeit) mit dem „Ehrenwort“ endete und er „erwandert“ wurde. Das Ehrenwort ist eine feierliche Zeremonie im Beisein anderer Mitglieder der Bruderschaft, bei der der junge wandernde Geselle verspricht, nun seine drei Wanderjahre zu absolvieren.

Für die Wanderjahre gelten feste Regeln. Der Geselle trägt die Kluft seines Gewerkes und die Ehrbarkeit seiner Bruderschaft. Die Kluften unterscheiden sich nach Zugehörigkeit zu den verschiedenen Gewerken. Die Ehrbarkeit, die Krawatte, zeigt die Zugehörigkeit zur Bruderschaft. Bei Hans waren es die schwarze Hose, schwarze Weste und schwarze Jacke des Zimmermann-Handwerkes und die blaue Ehrbarkeit des Roland-Schachtes. Die Weste hat acht Knöpfe, die für acht Stunden täglicher Arbeit stehen. Die Jacke hat sechs Knöpfe als Zeichen für die Sechs-Tage-Woche. An den Ärmeln gibt es nochmals drei Knöpfe für die drei Lehrjahre an dem einen Arm und drei Knöpfe und für die drei Wanderjahre des Gesellen  am anderen Arm. Das Reisen sollte weitgehend ohne Geld geschehen. Die Gesellen reisen also zu Fuß oder per Anhalter. Handys sind auf der Reise nicht erlaubt. Kommt ein Geselle in eine Ortschaft oder Stadt, wendet er sich an den Bürgermeister und bittet mit einem wohlformulierten Gedicht um einen Stempel in sein Wanderbuch. Das Wanderbuch hat die Funktion eines Ausweises. Darin sammelt der Geselle die Arbeitszeugnisse seiner Arbeitgeber und die Stempel der Bürgermeister als Nachweis seiner Wandertätigkeit. Das Wanderbuch stellte den Gesellen von der (damals geltenden) Wehrpflicht frei. Hans erinnert sich, dass ihm beim Vorsprechen vor den Bürgermeistern Unterstützung nie verwehrt wurde. Die Rolandsbrüder gelten als ehrbare Handwerker und ihre Wanderschaft wird weitgehend gewürdigt. Unterwegs suchen die wandernden Gesellen Bäcker, Metzger oder Wirtschaften auf. Auch hier heißt es „Gott zum Gruß, werte Bäckerin, …“ Der nun folgende Vers ist entwaffnend demütig, gleichsam unterhaltsam, faszinierend und eine Legitimation, dass es sich um einen rechtschaffenen Handwerker und nicht um einen Landstreicher handelt. Nach dem so vorgetragenen Gruß wird den hungrigen Wandernden oft ein reiches Mahl serviert. Selbst bei McDonalds wurde Hans mit Nahrung versorgt.

Die Erlebnisse und Anekdoten würden mindestens ein Buch füllen. Für Hans sind die Erinnerungen, Erfahrungen und Überzeugungen, die er aus der Zeit des Wanderns mitgenommen hat, von unschätzbarem Wert. Und die Verbundenheit mit seinen Rolandsbrüdern bleibt. Seit Sommer 2022 ist Hans Mitarbeiter in der Werkstatt der ArBiS. „Die Arbeit mit den Beschäftigten macht mir viel Freude. Ich habe das Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun und bringe mich mit dem, was ich kann, gern hier ein. Das Miteinander hier in der Werkstatt ist so, wie ich gern arbeiten möchte.“

Johannes Weyhausen-Brinkmann arbeitet als Schreiner in einer der ArBiS-Werkstätten.

ArBiS Pfeife

Die Pfeife ehrt  heimgekehrte Gesellen, die ihre Wanderschaft erfolgreich absolviert haben.

 

GAP – gutes Arbeiten in der Pflege

„Gute Arbeitsbedingungen in der Pflege zur Vereinbarkeit von Pflege, Familie und Beruf“ – ein Projekt der Pflegebevollmächtigten der Bundesregierung

 „Nur mit mehr Personal durchbrechen wir den Teufelskreis von einem Gesundheitsberuf, der zurzeit selbst krankmacht. Es ist daher wichtig, zunächst bessere Arbeitsbedingungen in der Pflege zu schaffen. Wir müssen Pflegekräfte entlasten, um ihnen eine Vereinbarkeit von Familie, Freizeit und Beruf zu ermöglichen.“      

Claudia Moll MdB – Pflegebevollmächtigte der Bundesregierung

 

Spätestens seit der Corona-Pandemie sind fehlendes Personal, die Arbeitsbedingungen und die zum Teil nicht angemessene Vergütung in der Pflege ein großes politisches Thema und stehen im Fokus der Öffentlichkeit.

Aber haben sich die Arbeitsbedingungen seitdem verbessert? Haben stationäre Pflegeeinrichtungen, ambulante Dienste und Krankenhäuser deshalb mehr Personal zur Verfügung? Nein, natürlich nicht.

Was bleibt, ist, mit den vorhandenen Mitarbeitenden das Beste aus der Situation zu machen, Strategien für Verbesserungen zu entwickeln, Prozesse zu optimieren, Über- und Unterforderung zu vermeiden, um letztendlich den Erwartungen und Wünschen unserer Bewohnenden nach individueller Pflege und Betreuung auch weiterhin gerecht werden zu können.

Das Leitungsteam der Heimstätte am Grambker See, Tatjana Kinast (Einrichtungsleitung) und Sebastian Schillhahn (Pflegedienstleitung), hatten schon immer ein offenes Ohr für ihre Mitarbeitenden und versuchten, den Alltag für alle so zu gestalten, dass jeder mit einem guten Gefühl zum Dienst kam und auch wieder nach Hause ging. Dennoch waren beide der Meinung, dass eine zweite Meinung, nämlich die ihrer Mitarbeitenden, nicht schaden könne. Mit Unterstützung der Geschäftsleitung bemühte man sich daher um die Teilnahme am Projekt.

Nun sind seit dem Projektstart im Januar 2023 schon einige Wochen ins Land gezogen.
Der Auftakt – die große Mitarbeiterbefragung – verlief mit einer Rücklaufquote von 74 Prozent.
Allein dieses Ergebnis zeigt, wie vielen Mitarbeitenden daran gelegen ist, ihre Erlebniswelt zu reflektieren und gemeinsam ein Zeichen zu setzen.

Das Ergebnis wurde mit Spannung erwartet … und kann sich sehen lassen! Ein Großteil der Ergebnisse liegt deutlich über dem Vergleichswert der anderen am Projekt teilnehmenden Einrichtungen.

So sagten 84,38 Prozent der befragten Mitarbeiter „mein Dienstplan berücksichtigt individuelle Wünsche“ oder 81,98 Prozent „die Führungskultur steht für offene Informationspolitik“.

83,52 Prozent würden „ihre“ Einrichtung bei Freunden und Bekannten empfehlen und sogar 85,64 Prozent würden das Sozialwerk/die Heimstätte am Grambker See  als Arbeitgeber im Freundes- und Bekanntenkreis bewerben.

Dennoch nutzten unsere Mitarbeitenden diese Befragung auch dazu, sich und ihre Arbeit kritisch zu hinterfragen. So gaben „nur“ 55,36 Prozent an, dass die Übergaben gut organisiert sind. 31,92 Prozent empfinden die Kommunikation mit Angehörigen oftmals belastend und wünschen sich hier z.B. mehr Schulungen in der Gesprächsführung.

Im nächsten Schritt haben wir uns nun mit unserem Projekt-Couch Sven Hoffmann auf den Weg gemacht und zwei Projekte definiert, die wir gemeinsam mit allen Mitarbeitenden des Hauses bis zum 31.12.2024 bearbeiten möchten.

  1. Besprechungen im Alltag optimieren
  2. Kommunikation mit Angehörigen, Betreuenden und Bevollmächtigten

Warum wir das machen? Einfach, um noch besser zu werden und um unsere Mitarbeitenden noch mehr zu unterstützen, ihren oftmals herausfordernden Alltag für sich zufriedenstellend bewerkstelligen zu können.

Daniela Hahlweg, Bereich Senioren

 

Flyer: Das Projekt GAP

 

Bild oben: Projekt-Coach Sven Hoffmann, Sebastian Schillhahn, Susanne Gill, Camelia Astalosiu, Nadine Deimel, Tatjana Kienast, Simone Bonkowski, Daniela Hahlweg, Reza Etesaminia (v.l.)

Vergeben statt vergelten

Ein nebeliger Novembertag im Jahr 1945. Die Hofgemeinschaft des Hofes Capelle im Bremer Blockland verbringt einen ruhigen Abend in Gesellschaft mit Verwandten. Nachdem alle zu Bett gegangen sind, wird das Haus überfallen. Zehn bewaffnete, junge Männern überfallen den Hof und plündern, was sie finden können. Es sind polnische Zwangsarbeiter, die nach Kriegsende zwar frei, aber heimat- und perspektivlos in der Kaserne in Gröpelingen hausen. Sie selbst sind deportiert worden, haben Verwandte und Freunde durch grausame Gewalt verloren. Nun plündern sie den Hof und üben Vergeltung für das, was ihnen angetan worden ist. Sie treiben alle Menschen des Hofes Capelle in den Keller und erschießen sie – von den Kindern bis zu den Großeltern. Auch die beiden Angestellten werden nicht verschont. Einzig Wilhelm Hamelmann stellt sich tot und schleppt sich, nachdem die Täter abgezogen sind, schwerverletzt zum zwei Kilometer weit entfernten Nachbarhof, wo er Hilfe findet.

Bei der Trauerfeier für seine ums Leben gekommene Familie lässt der schwer verwundete Wilhelm Hamelmann folgende Worte verlesen:

„Als in der schaurigen Nacht die Tragödie ihren Höhepunkt erreicht hatte und ich, an Leib und Seele wund, das Totenhaus verließ, da war mein Herz dennoch erfüllt von einem Frieden, den allein mein Gott mir schenken konnte. Das mir von Gott geschenkte unbedingte Gottvertrauen, gegründet auf Christus, ermöglichte es mir, alles zu ertragen und zu überwinden. Im Andenken an meine lieben Angehörigen muss ich eins bekennen: Unser Haus war stets ein Haus der Liebe, wo die Niedrigsten geachtet wurden und den Ärmsten Hilfe ward. Das soll auch weiterhin meinem Leben Leitstern sein.“

Die jungen Polen werden bis auf einen gefasst und nach damals geltendem, amerikanischem Recht verurteilt. Ein Angeklagter wird zu 40 Jahren, drei weitere Angeklagte zu lebenslanger Haft verurteilt. Vier der Täter bekommen das Todesurteil und werden auf einem Bremer Schießplatz hingerichtet. Der entkommene, neunte Täter, wird später gefasst und ebenfalls zu lebenslanger Haft verurteilt. Wilhelm Hamelmann muss noch im Krankenhaus seine Mörder identifizieren. Er setzt sich beim Hauptstaatsanwalt dafür ein, milde Urteile zu fällen.

1967 erfährt Wilhelm Hamelmann, dass drei der verurteilten Polen noch immer hinter Gittern sitzen. Er besucht sie und bittet anschließend beim US-Botschafter um ihre Begnadigung. Persönlich holt er sie nach ihrer Freilassung ab und bringt sie an einem sicheren Ort unter.

Die Ausstellung „Versöhnung im Alleingang“ behandelt die Geschehnisse des 21. November 1945. Helmut Dachale hat seine Recherchen über die Opfer, die zu Tätern wurden, in der 14 Banner umfassenden Ausstellung aufgearbeitet. Diese wird am 13. Mai 2022 ab 13 Uhr für die Schüler*innen der Privatschule Mentor, ab 14.30 Uhr für die Öffentlichkeit gezeigt. Ergänzt durch eingesprochene Zitate aus dem Tatsachenbericht von Wilhelm und einem Raum, der zum Hören von Podcasts zum Thema einlädt, bietet die interaktive Ausstellung viel Stoff zum Nachdenken und Reflektieren. Im Schüler*innencafé gibt es die Gelegenheit zum Austausch. Im Foyer kann das Buch von Wilhelm Hamelmann und die Broschüre zur Ausstellung erworben werden.

Die Ausstellung findet im Rahmen des 60-jährigen Jubiläums der Privatschule Mentor statt und bietet die Gelegenheit der Auseinandersetzung mit der Geschichte des Standortes. Auf dem Gelände des ehemaligen „Camp Tirpitz“ befindet sich heute die Schule in freier Trägerschaft sowie Einrichtungen des Sozialwerks der Freien Christengemeinde für Senioren, Kinder und Jugendliche und psychisch beeinträchtigte Menschen.

Das Foto zeigt acht der neun Täter beim Prozess am 1. März 1946.
Foto: Photo Bors/Weser Kurier, K. Stockhaus/Weser Kurier, Privatbesitz/Kulturhaus Walle

Johann-Bünting-Sonderpreis an Lisa Hein verliehen

„Jetzt musste ich 85 Jahre alt werden, um endlich mal eine Urkunde zu bekommen.“ Lisa Hein engagiert sich seit rund sechs Jahren ehrenamtlich im Projekt „FamilienZeitRaum“ des Sozialwerks der Freien Christengemeinde Bremen e. V. Der „FamilienZeitRaum“ ist Teil des gemeinsam von drei Trägern betriebenen Johannis-Zentrums in der Bremer Neustadt. Hier sind eine Tagespflegeeinrichtung für Senioren, Seniorenwohnen mit Service, eine Kindertagesstätte, eine Kirchengemeinde und der „FamilienZeitRaum“ unter einem Dach gemeinsam bemüht, Menschen jeglichen Alters unterstützende Hilfen anzubieten.

Celia Hübl verlieh der ehrenamtlich im FamilienZeitRaum tätigen Lisa Hein einen Sonderpreis im Rahmen des Johann-Bünting Förderpreises für ehrenamtliches Engagement in der Kategorie „Alt für Jung“. Als eines von drei Vorstandsmitgliedern der Johann-Bünting-Stiftung und Leiterin des Bünting-Teemuseums überreichte sie der 85-jährigen Dame eine goldfarbene Medaille mit dem aufgeprägten Gesicht Johann Büntings und eine große Urkunde – beides im Rahmen. Dazu gab es einen Einkaufsgutschein im Wert von 1000 Euro. Die Geehrte war zu Tränen gerührt und überwältigt.

Rosi Stöver und Piet Apel, die den FamilienZeitRaum leiten, sind überglücklich und dankbar, dass sich ihre Hartnäckigkeit ausgezahlt hat: Sie waren so überzeugt von dem außergewöhnlichen Engagement von Lisa Hein, dass sie sie drei Mal für den Johann-Bünting-Förderpreis vorgeschlagen hatten. „Die Ehrung zeigt uns, dass unser Eindruck absolut richtig war“, so Piet Apel. „Solch ein beständiges, ehrenamtliches Engagement wie das von Lisa Hein bei uns im FamilienZeitRaum ist nicht alltäglich und verdient durchaus eine Ehrung.“