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Mach doch mal ne Pause

Die Feiertage stehen vor der Tür. Auf dem Weihnachtsmarkt locken Glühwein und Punsch. Zum Festtagsessen gehört für viele das ein oder andere Glas Sekt oder Wein dazu. Und Silvester wird das vergangene Jahr in der Regel mit vielen Prozenten verabschiedet.

Der Dezember ist also oft feuchtfröhlich, und schnell bleibt es in geselliger Runde nicht bei einem Glas. Klar, das ist alles erlaubt, und niemandem soll der Spaß verdorben werden. Doch schnell verlieren wir an Feiertagen das Maß und schlagen über die Stränge.

Fakt ist: Alkohol schadet der Gesundheit. Schließlich handelt es sich um ein Zellgift. Deshalb hat die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen auf Basis aktueller wissenschaftlicher Erkenntnisse zur Schädlichkeit von Alkohol jetzt ihre Empfehlungen zum Umgang mit Alkohol angepasst:

 „Alkoholkonsum sollte von jeder Person reduziert werden, unabhängig davon, wie viel sie trinkt. Am besten ist es, keinen Alkohol zu sich zu nehmen. Alkoholische Getränke bergen Risiken, wenn es um die physische Gesundheit der Menschen geht.“

Wie wäre es also mit einem „Dry January“?

31 Tage lang keinen Alkohol trinken – und zwar keinen Tropfen. Die Idee hinter dem „trockenen Januar“ ist, dem Körper nach dem Dezember mit all seinen oft feuchtfröhlichen Feiern eine Ruhepause zu gönnen.

Die Gesundheitskampagne stammt aus Großbritannien. Dort ist Alkoholkonsum eine der häufigsten Todesursachen. Um dagegen anzukämpfen, hat die Organisation „Alcohol Change UK“ im Jahr 2013 den ersten Dry January ins Leben gerufen.

Mit einer Pause vom Alkohol tue ich meiner Gesundheit etwas Gutes. „Jeder Tag hilft“, sagt Oliver Pogarell, Professor und leitender Suchtmediziner an der Klinik der LMU München.

Der Dry January ist auch eine gute Gelegenheit, innezuhalten und die eigenen Trink-Gewohnheiten zu hinterfragen. Schließlich merkt man bei einem bewussten Verzicht, wie oft man tatsächlich zu Alkohol greift.

Vielleicht findest du ja noch Freunde oder Familienangehörige, die mitmachen wollen?

Und falls du Interesse hast, mehr von dieser Kampagne zu erfahren, dann schau doch mal hier: https://www.dryjanuary.ch/de

In diesem Sinne wünsche ich dir viel Erfolg!

Simone Vogt, Ansprechperson für Suchtfragen

 

Zwei Schüler und eine Schülerin: Drei von der Mentor ganz groß

Kurz vor den Sommerferien ereignete sich am Grambker Sportparksee ein dramatischer Badeunfall, bei dem drei Kinder zwischen fünf und acht Jahren fast ums Leben gekommen wären.
Alle drei waren bereits leblos und reanimationspflichtig, als sie von Allessandro, Matti und Lotta (der großen Schwester von Matti) aus dem Wasser geborgen wurden. Es war Rettung in letzter Sekunde, bestätigten die Einsatzkräfte noch am Unfallort.

Auch wenn jetzt schon ein paar Wochen ins Land gezogen sind, gehen die Erzählungen der Kids dem Zuhörer noch immer unter die Haut.

Amira berichtet eindrucksvoll, wie sie an Land eines der Kinder wiederbelebt hat. Auf die Frage, woher sie wisse, wie man reanimiert, erzählt sie stolz, dass sie bei der Jugendfeuerwehr Burgdamm ist und dort vor einiger Zeit ihren Erste-Hilfe-Schein gemacht hat.

Unterstützt wurden die jungen Retter und Retterin von drei Erwachsenen, die sich zu dieser Zeit in Ufernähe aufhielten und die verzweifelten Hilferufe hörten und beherzt eingriffen. Drei von vielen anderen Badegästen, die nicht geholfen haben. Matti erzählt immer wieder, wie erschreckend er es gefunden hat, dass es so viele Gaffer gab, die, anstatt zu helfen, ihre Handys rausgeholt und gefilmt haben.

237 Menschen sind in diesem Jahr bereits bei Badeunfällen in Deutschland ums Leben gekommen, sieben davon in Bremen. Eine Statistik, die zum Nachdenken anregt. Sicherlich sind die Gründe unterschiedlich. Übermut, mangelnde Schwimmkompetenz, Vernachlässigung der Aufsichtspflicht oder fehlende Zivilcourage spielen die größte Rolle. Dabei sind es gerade die ersten Minuten nach einem Unglück, die über den Erfolg der Reanimation und mögliche Folgeschäden entscheiden. Es gilt, die Zeit von Ereignis bis Eintreffen der Rettungskräfte, so gut es geht, zu überbrücken. Sicherlich ist es nicht leicht, die eigene Angst, etwas falsch zu machen, zu überwinden, aber nur, wer wegsieht und nichts tut, macht etwas falsch!

Am 09. August 2024 wurden die Mentor-Schüler, Lotta und die drei erwachsenen Helfer von Senator Ulrich Mäurer öffentlich belobigt. Eine Anerkennung, die zwischen 2004 und 2023 nur 33 Personen erhalten haben. Stolz nahmen alle Retter und Retterinnen ihre Urkunden entgegen und beantworteten die Fragen der anwesenden Presse.

Wir sagen noch einmal allen Helfern und Helferinnen herzlichen Dank für euer beherztes Eingreifen und eure großartige Zivilcourage. Ihr könnt sehr stolz auf euch sein – wir sind es in jedem Fall.

Daniela Wulf

 

Kinderchor auf dem Bremer Marktplatz

Das muss gefeiert werden: Am 24. August ist der Tag der ukrainischen Unabhängigkeit, und das wird jedes Jahr im In- und Ausland fröhlich gefeiert. Auch in Bremen gab es dazu eine Kundgebung und musikalische Darbietungen auf dem Marktplatz. Für den ukrainischen Kinderchor, der seit zwei Jahren im Sozialwerk Bremen beherbergt ist, hieß das: Bühne frei! Die Kinder begeisterten Hunderte von Menschen, motivierten zum Mitsingen und brachten ihre Verbundenheit zu ihrem Heimatland musikalisch zum Ausdruck.

Am Abend stand die Unabhängigkeit der Ukraine im Mittelpunkt eines ökumenischen Gottesdienstes, an dem u.a. der Bremer Bürgermeister Bovenschulte und die Präsidentin der Bremischen Ev. Kirche Bosse klare Worte gegen den Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine fanden. Gemeinsam wurde für den Frieden gebetet, und im Anschluss gab es ein Konzert des ukrainischen Frauenchors GLORIA.

Ein herzliches Dankeschön an Anna Chulkova, ukrainische Chormeisterin, die seit vielen Jahren im Sozialwerk tätig ist, und an die Freiwilligen, die die wöchentlichen Chorstunden und das parallel stattfindende Elterncafé erst möglich machen. Das Chorprojekt ist ein Teil der Ukrainehilfe des Sozialwerks, wo beeinträchtigte Menschen geeigneten Wohnraum, Möbelhilfen und Unterstützung bei Behördenangelegenheiten bekommen.

Weiterer Dank gilt der „Aktion Deutschland hilft“, dem „Paritätischen Wohlfahrtsverband Bremen“, der Sparkasse und PSD Bremen und der Sparda Bank Hannover, deren Spenden die musikalische Förderung der Kinder ermöglichen.

Pastorin Andrea Hammer, Ph.D

 

Sommerfest 2024

Wo sich sonst nur Maulwürfe vergnügen, rückten Foodtrucks, Musikinstrumente, Bühne, Tische, Bänke und weiteres schweres Gerät an: Sommerzeit – Feierzeit! Am 23. August 2024 feierte das Sozialwerk sich selbst und miteinander. Über 400 Mitarbeitende strömten auf den grünen Festgrund am Grambker See, um den warmen Sommerabend, das breite gastronomische Angebot und die vielen fröhlichen Begegnungen zu genießen. Ganz besonders wurde der neue Zuwachs – Menschenskinners! – im Sozialwerk begrüßt, der seit einigen Monaten den Bereich Jugend & Familie vergrößert. Gesegnet wurden alle, von der Bühne und von oben: Der drohende Sturm legte sich schlagartig zum Festbeginn, und die Regenwolken zogen vorbei.

Vorstand Matthias Bonkowski entrollte dann, was viele nun endlich sehen wollten: das neue Logo. Rund und bunt schmückte es die Bühne – und die Geschenke, die aus dem frisch beklebten Bus an alle verteilt wurden. Möge das moderne und farbenfrohe Design eine frische Brise in die Unternehmenskommunikation bringen.

Musik querbeet beschallte die einsetzende Dämmerung und sorgte für ein beschwingtes Sommerfest, bei dem sicher niemand zu kurz kam, außer den Maulwürfen, deren Behausungen plattgetreten wurden. Aus Sicht der Maulwürfe war es kein guter Abend. Für alle anderen, die da waren: Ein rundum gelungenes Sommerfest!

Fotos: ©Andreas Schäfer

 

Hauptgewinn: Klassenreise nach Schottland

Welcher schottische Schauspieler spielte James Bond? Wann wurde Nessie zum ersten Mal gesichtet? Und welche Zutat kommt ins schottische Frühstücksporridge, aber nicht ins englische?

Die 8. Klasse der MENTOR Privatschule fand die Antworten – und noch viele mehr – heraus und holte damit den Hauptgewinn im Schottland-Quiz des Reiseveranstalters für Klassenfahrten, CTS-Reisen. Sechs Tage Edinburgh für die ganze Klasse!

Die Glücksfee zauberte einen modernen Reisebus samt Fahrer herbei, der die Reise kundig und sympathisch leitete. Der Auftakt: eine „schön-schaukelige“ Nordsee-Überfahrt bei trübem Wetter, ab der schottischen Grenze dann nur noch Sonne. Die Hauptstadt beeindruckte mit mittelalterlicher Pracht und mystischem Flair, beides geballt auf der „Royal Mile“, die die SchülerInnen auf Harry Potters Spuren entlangliefen. Geschichten und Anekdoten sollen sich hier zugetragen haben, die alle in den Bann zog. Das Herzstück des mittelalterlichen Edinburgh inspirierte auch die Autorin J. K. Rowling. Die vielen abzweigenden Gassen sind eng, oft von historischen Gebäuden flankiert und überbaut, – wer fühlte sich da nicht an die „Winkelgasse“ erinnert, in der Harry Potter seinen ersten Zauberstab erstand?

Am nächsten Tag ging es auf eine wunderschöne Küstenwanderung am Forth of Fife. Durch Höhlen, über Felsen, am (und sogar durchs) Wasser führte die Route ins Fischerdörfchen Anstruther an Schottlands Ostküste. Zum Abschluss gab es fangfrischen Fish & Chips, klassisch mit Salz und Essig oder mit Ketchup für den deutschen Gaumen. Britische Inselkultur in Reinform bei eher untypisch sonnigem schottischen Wetter! Der Blick über die glitzernde See und die beeindruckende Landschaft bleibt definitiv in positiver Erinnerung.

Schottische Kronjuwelen und das Kriegsgefangenenmuseum gab es am letzten Tag in Edinburgh zu sehen, als sich für die Klasse die Tore der eindrucksvollen Burg öffneten. Von hier reichte der Blick über die ganze Stadt und das weite Umland. Nach so viel Landschaft und Geschichte gab es zum Abschluss ein sehr modernes Highlight, das „Dynamic Earth Science Centre“. Die SchülerInnen gingen interaktiv auf Entdeckungsreise und erkundeten unseren faszinierenden Planeten, die Entstehungsgeschichte vom Urknall bis heute, die geologische und biologische Vielfalt, effektvoll visualisiert und technisch beeindruckend nahe gebracht. Eine Reise durch die Zeit in einer „Zeitmaschine“, ein toller 3D-Film und ein Planetarium mit Rundum-Projektion, die die elementare Bedeutung von Satellitentechnik erläuterte – „aufregend und spannend!“.

Ein letztes Mal saugten die SchülerInnen die Stimmung der Hauptstadt auf, besorgten Souvenirs und verabschiedeten sich von Edinburgh in Richtung Nordengland, zur Fähre in Newcastle. Alnwick Castle liegt am Weg und wurde „mitgenommen“: das Schloss – nach Windsor Castle das zweitgrößte Englands – war schon Drehort für etliche Filme, vor allem für die Harry-Potter-Reihe, wo es als Außenansicht der berühmten Schule für Hexerei und Zauberei diente (zu sehen bei Harrys erstem Flugversuch und beim Quidditch-Training). Wer hätte gedacht, dass die Reise zum Abschluss noch tatsächlich nach Hogwarts führen würde…

Ihr Schottland-Abenteuer wird die 8. Klasse nicht vergessen, die vielen Eindrücke wirken nach. Alle sind gut wieder in Bremen angekommen und brachten ihre persönlichen Erinnerungen und Highlights dieser besonderen Reise mit nach Hause. Fazit: Wahrlich ein absoluter Hauptgewinn!

 

Angehörige von Suchtkranken

Sucht ist eine Erkrankung, die nicht nur die suchtkranke Person selbst betrifft, sondern auch massive Auswirkungen hat auf das Leben der Angehörigen. Vor allem die Partnerin bzw. der Partner und die Kinder, aber auch Eltern und Geschwister leiden in der Not, mit ansehen zu müssen, wie die Sucht den Menschen mehr und mehr zerstört. Oft jahrelang versuchen sie, in hohem persönlichen und auch finanziellen Einsatz die Sucht des geliebten Menschen „in den Griff“ zu bekommen und sie oder ihn zu retten.

Eigene Bedürfnisse, Gefühle und Interessen werden oft so lange vernachlässigt, bis Angehörige selbst seelisch oder körperlich krank werden, weil ihr Denken, Fühlen und Handeln nur noch um das suchtkranke Familienmitglied kreist. Schlimmstenfalls wird das eigene Leben vollständig von der Sucht dominiert. Darum ist Sucht eine Familienkrankheit.

Manchmal verhalten sich Angehörige in Unkenntnis der Krankheit so, dass die Beibehaltung der Sucht begünstigt wird. Experten und Expertinnen sprechen dann von „suchtbegünstigendem Verhalten“ und schlagen vor, diesen Begriff zu benutzen statt den Begriff der „Co-Abhängigkeit“, der Angehörigen eine Schuld an der Aufrechterhaltung des Suchtverhaltens sowie eine eigene psychische Erkrankung unterstellt.

Was ist suchtbegünstigendes Verhalten?

  • Leugnen, Wegschauen, Vertuschen, Bagatellisieren: Dies geschieht in der Regel aus Scham und um den suchtkranken Menschen zu beschützen.
  • Die Schuld bei sich suchen und damit die suchtkranke Person aus der Eigenverantwortung entlassen
  • Versuche, den Konsum zu kontrollieren oder zu verhindern, z. B. angebrochene Schnapsflaschen mit Wasser aufzufüllen, lassen den kranken Menschen nur immer raffiniertere Wege finden, das Suchtmittel zu konsumieren und den Konsum zu verheimlichen.
  • Der suchtkranken Person Aufgaben und Verantwortung abnehmen: z. B. beim Arbeitgeber krankmelden oder die Schulden des suchtkranken Kindes begleichen oder die Verwüstungen beseitigen, die im Rausch angerichtet wurden

Und was hilft? Tipps zum Umgang mit suchtkranken Angehörigen:

  • Sprich es an, wenn du das Gefühl hast, dass die betroffene Person zu viel konsumiert oder suchtproblematische Verhaltensweisen entwickelt – ohne Vorwürfe zu machen oder zu belehren.
  • Akzeptiere, dass Sucht eine Erkrankung ist, keine böse Absicht oder Charakterschwäche. Ihre Überwindung braucht viel Zeit und Kraft.
  • Verabschiede dich von Schuldgefühlen: Auch wenn in eurer Beziehung nicht alles glatt gelaufen ist: Du bist nicht schuld an der Suchterkrankung.
  • Übernimm Verantwortung für dein eigenes Leben: Lass die Sucht nicht zu deinem Lebensmittelpunkt werden. Kümmere dich um deine eigenen Bedürfnisse und Interessen. Achte auf deine Gesundheit.
  • Such dir Hilfe. Wende dich an eine Beratungsstelle und nimm die Unterstützung einer Selbsthilfegruppe für Angehörige von Suchtkranken in Anspruch.

Suchterkrankungen sind leider häufig noch ein Tabu. Das Thema anzusprechen, fällt darum schwer. Man fürchtet, den anderen zu beschämen, zu Unrecht zu verdächtigen und zu kränken. Doch Nichtstun und Wegschauen ist keine gute Option. Von allein wird sich das Problem nicht lösen. Nur wenn jemand der/dem Betroffenen den Spiegel vorhält, erhält sie/er den Impuls, sich mit dem Problem zu befassen.

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Ich stehe für Information und Beratung zur Verfügung: Simone Vogt, Betriebliche Suchtkrankenhelferin, Telefon 61 90 – 187

Unser Verband wird 100

2024 ist ein besonderes Jahr für Menschenrechte und Demokratie. Ganz Deutschland feiert 75 Jahre Grundgesetz! Und bereits 25 Jahre vor diesem historischen Meilenstein wurde der Deutsche Paritätische Wohlfahrtsverband gegründet, der sich für Demokratie und Menschenwürde stark macht.

Seit 100 Jahren steht „Der Paritätische“ für eine „demokratische, offene, vielfältige Gesellschaft, an der alle Menschen gleichwürdig teilhaben und Schutz erfahren – unabhängig von Hautfarbe, Geschlecht, sozialer oder ethnischer Herkunft, Alter, Religion oder Weltanschauung, sexueller Identität, materieller Situation, Behinderung, Beeinträchtigung, Pflegebedürftigkeit oder Krankheit“ (Zitat: Homepage). Die Mitgliedsorganisationen verbindet die Idee der Parität, der Gleichwertigkeit aller in ihrem Ansehen und ihren Möglichkeiten.

Das Sozialwerk ist stolz auf die Mitgliedschaft im Paritätischen und gratuliert herzlich zum 100. Geburtstag.

 

Eine Vision wird Realität

25 Jahre „Haus Noah“ – ein Leuchtturmprojekt in der Suchtkrankenhilfe für Bremen

Der Tag ist noch jung. Doch die Sonne strahlt prächtig vom fast wolkenlosen Himmel, die blauen Balkone des mehrgeschossigen Hauses Ellerbuschort 15 glänzen im hellen Tageslicht. Ein selten schöner Morgen in diesem feuchten Sommer 2023. Einige Bewohner des Hauses genießen bereits die wärmende Sonne. Freundlich nicken sie den Passanten zu.

„Rentner, die haben es gut“, mag so mancher beim Vorbeigehen denken. Tatsächlich wirkt dieses Gebäude auf den ersten Blick wie ein ganz normales Wohnhaus – mit Menschen, die sich an diesem Morgen womöglich vom stressigen Alltag erholen. Menschen, die womöglich ihren Ruhestand auskosten, unabhängig von Zeit und Raum. 

Doch das Idyll täuscht. Die Frauen und Männer, die auf den Balkonen  von „Haus Noah“ – so prangt es auf großen Lettern über der Eingangstür – die Sonne genießen, sind zuvor durch die Hölle gegangen. Ihr Leben war aus den Fugen, in eine Schieflage geraten. Der Alkohol hatte die Macht über ihr Leben gewonnen, beherrschte ihren Alltag. Jetzt kämpfen sie in „Haus Noah“ tagtäglich um ihre letzte Chance, zurück in ein trockenes und möglichst selbstbestimmtes Leben zu finden.

Im März 1998 eröffnete das Sozialwerk der Freien Christengemeinde „Haus Noah“ als Fördereinrichtung für Menschen mit schwerer Alkoholerkrankung. Die meisten leiden an dem sogenannten Korsakow-Syndrom. Es ist heute kaum vorstellbar, dass „Haus Noah“ damals die erste Einrichtung dieser Art in Bremen war. Doch bis in die 90iger-Jahre galten Korsakow-Patienten als „nicht mehr therapierbar und nur noch dauernd zu verwahren“. Ihren Lebensabend verbrachten sie in der Regel in psychiatrischen Krankenhäusern oder verschwanden irgendwo in Altenheimen. „Satt, sauber und trocken“, lautete damals die Devise.

Heinz Bonkowski, Mitbegründer und damaliger Leiter des Sozialwerks, erinnert sich noch gut an die Zeit. „Wir hatten 1982 die Heimstätte am Grambker See eröffnet und dort auch suchtkranke Menschen aufgenommen. „Dass wir das gut machen, hatte sich bis zur Psychiatrie in Bremen-Ost herum gesprochen. Außerdem wollte dort niemand mehr Menschen aus Bremen in Kleinstgruppen nach Niedersachsen abschieben.“

Heinz Bonkowski hatte 1979 zusammen mit der Freien Christengemeinde das Sozialwerk gegründet. Seine Vision: hilfsbedürftige Menschen annehmen, wie sie sind, und ihnen einen wertvollen Platz in der Gesellschaft geben. Die Eröffnung von „Haus Noah“ war da nur logisch. In dem ehemaligen Hotel Bollmann, im Ellerbuschort 15, fanden Heinz Bonkowski und sein kongenialer Partner Armin Hein („Ich hatte die Visionen und Armin war das Finanzgenie“) den idealen Ort. „In dem Haus brachten wir zuvor schon Spätaussiedler und jüdische Zuwanderer aus Russland unter.“ Nach einer umfassenden Renovierung wurde „Haus Noah“ im März 1998 eröffnet. Vier Wochen später waren die 24 Appartements belegt.

Angesichts der Schicksale dieser Menschen von einer Erfolgsgeschichte zu sprechen klingt für mache Ohren sicherlich makaber – und doch ist das „Haus Noah“ eine Erfolgsstory. Keine weiß dies besser als die Leiterin der Einrichtung, Beate Rettig. Die 63-jährige Diplom-Sozialpädagogin gehört seit 2002 zum neunköpfigen Noah-Team und löste 2004 Anneliese Lindemann als Leiterin ab. „Menschen, die durch die die „Rund-um-die-Uhr-Arbeit“ zurückfinden in den eigenverantwortlichen Alltag, sind Belohnung für die aufzehrende aufopferungsvolle Tätigkeit.“  Auch nach mehr als zwei Dekaden ist Beate Rettig von ihrer Arbeit fasziniert.  „Ich habe in all den Jahren so viele besondere Menschen kennengelernt – Menschen, die mich fasziniert haben. Wenn sich diese Menschen öffnen, dann sind das ganz große Schätze.“

Doch bis sich diese Menschen öffnen, ist es oft ein sehr, sehr langer Weg. Und nicht immer endet dieser Weg zurück in der Normalität. „Die Menschen, die ins Haus Noah einziehen, sind die Stärksten“, sagt Beate Rettig. Diese Menschen kämpfen, haben sich noch nicht aufgegeben, suchen Hilfe. Wer ins Haus Noah kommt, hat alles verloren – den Arbeitsplatz, die Wohnung, meistens den Kontakt zu Partnern, zu den Kindern. Letzte Ausfahrt Grambke!

Deshalb ärgert Beate Rettig eines ganz besonders: die Stigmatisierung der alkoholsüchtigen Menschen. „Die sind weder doof noch dumm, sie sind krank – und wir müssen ihnen helfen.“

 „Satt, sauber, trocken“ ist ein Betreuungsziel aus längst vergangenen Tagen. Heute werden Korsakow-Patienten individuell oder in Kleingruppen begleitet und gefördert.  Wesentliche Bestandteile der Arbeit sind von Anfang an ein alkoholfreies Haus, eine geregelte Tages- und Wochenstruktur mit Arbeitszeiten, Ruhepausen und gemeinsamen Freizeitaktivitäten. Dazu gehören auch lebenspraktische Fähigkeiten wie etwa Einkäufe oder Busfahrten. „Durch den jahrzehntelangen Alkoholmissbrauch sind bestimmte Zellen und Bereiche des Gehirns zerstört worden. Darunter leidet insbesondere das Kurzzeitgedächtnis“, erzählt Beate Rettig. Worte, Belehrungen und Erklärungen nutzen wenig, weil sie schnell vergessen werden. Hauptsächlich  durch eigenes Tun und Handeln lernen die Bewohner – die laut Bundesteilhabegesetz eigentlich politisch korrekt Nutzer: innen genannt werden müssen. Unterstützt werden sie dabei durch tägliche therapeutische Anleitung und ergo-therapeutische Übungen.  Die meisten Bewohner leider unter einer Co-Morbidität. Sie sind nicht nur alkoholkrank, sondern leiden beispielsweise auch unter Depressionen, Angst- und Panikstörungen, Essstörungen, Persönlichkeitsstörungen; dazu kommen körperliche Erkrankungen. 

„Anschaffen, konsumieren, ausschlafen“ – so prägnant beschreibt Beate Rettig den Alltag eines schwerstalkoholkranken Menschen. Die Wohnung aufräumen, Essen kochen, gar Kontakte pflegen – nichts von alledem ist diesen Frauen und Männern noch möglich. Deshalb geht die Einrichtungsleiterin in den Vorstellungsgesprächen auch nicht auf die Verweildauer ein.  Wenn es gut laufe, können einige nach drei bis vier Jahren in „Haus Noah“ in eine eigene Wohnung zurückkehren. Wer gezielt danach fragt, der bekommt eine Antwort. Eine Antwort, die die meisten Betroffenen zunächst einmal erschrickt. „So lange …“

Doch wenn die Frauen und Männer wieder in den verschiedenen Werkstätten des Sozialwerks arbeiten, sie ihre tief vergrabenen Talente freilegen und sie ihr Selbstwertgefühl wiedergefunden haben und bereit sind, Kontakte zu ihren Angehörigen aufzunehmen, sind sie in „Haus Noah“ endgültig angekommen.

Nicht ohne Grund hatten die Gründerväter dem Domizil im Ellerbuschort den Namen Noah gegeben. „Viele wissen nur, dass Noah etwas Gutes getan hat, aber Noah war auch ein Säufer“, sagt Heinz Bonkowski. Noah baute nicht nur die Arche, sondern legte neben Feldern auch einen Weinberg an – und wie es im Buch Mose beschrieben ist, sprach der dem Rebensaft auch ordentlich zu. Doch die Bibel berichtet auch vom würdevollen Umgang der Söhne Sem, Ham und Jafet mit dem betrunkenen Vater. Die Brüder halfen ihrem Vater, wie „Haus Noah“ alkoholkranken Menschen hilft – seit einem Vierteljahrhundert.

Michael Thurm

Junk Journaling

Ich bin ein wenig aufgeregt, als ich am Freitag um 12 Uhr die Tagesstätte Nord betrete. Elke, die Leiterin einer kleinen Gruppe bastelbegeisterter Frauen, hat mir davon erzählt, dass Susanne zu Gast ist. Sie ist erfolgreiche YouTuberin zu genau dem Thema, für das die Gruppe sich begeistert: Junk Journaling. Ich habe natürlich in ein paar Videos von Susanne reingeschaut, die unter dem Namen „Bollenhut Art“ ihre Filme veröffentlicht. Sie ist mir sofort sympathisch mit ihrem badischen Dialekt, ihrer kreativen Erscheinung und ihrer freundlichen Ansprache. Und so erkenne ich sie sofort, als ich den Raum  betrete, wo die Gruppe eifrig zugange ist. Ich bin unsicher, ob ich nicht störe. Doch ich werde sofort herzlich willkommen geheißen, darf gucken, fragen, fotografieren und zuhören. Ich fühle mich gleich wohl in der kleinen Gemeinschaft und werde sogar eingeladen, mit zu basteln. Gerade werden Cluster hergestellt. Das sind kleine Bastelelemente aus Papier, Stoff, Bändern – was so gerade ins Auge fällt – und werden mit Draht und Perlen zu einem kleinen Kunststück zusammengenäht oder -geklebt. Je ein kleines Element wird dann auf einem Briefumschlag platziert und verdeckt so die Adresse der Ersttagsbriefe, die „Frau Bollenhut“ im Internet ersteigert und für die Gruppe mitgebracht hat.

Junk Journaling in der Tagesstätte Nord

Ein umgestalteter Ersttagsbrief

So verziert, ist ein solcher Briefumschlag ein Element unter vielen in einem Junk Journal. Dies bedeutet wörtlich übersetzt so viel wie Müll-Zeitschrift. Tatsächlich entstehen jedoch sehr individuelle und wunderschöne Kunstwerke aus vielfältigen Materialien. Man werde süchtig danach, überall Material zu sammeln, erfahre ich. Gebrauchte Einpackpapiere, alte Bücher, Zeitschriften, Geschenkpapiere und vieles mehr – alles kann verwendet werden. Außerdem zieren ausgestanzte Motive, Aufkleber und vieles mehr die Kunstwerke. Und dann kann auch noch gemalt, gestempelt, gespachtelt und geklebt werden. Da sind der Phantasie keine Grenzen gesetzt. So entstehen Karten, Leporellos, Geschenktaschen oder sogar ganze Bücher. Nachhaltig ist das Hobby obendrein, denn eigentlich kann fast alles verwendet werden, was sonst weggeworfen würde.

Ich sehe gleich, dass diese Basteltechnik für die fünf Frauen nichts Neues ist. Tatsächlich beschäftigt sich die Gruppe schon seit vielen Jahren mit dem Thema. Die Gruppe wurde vor etwa 15 Jahren gebildet. Das Angebot orientierte sich nach Möglichkeit an den Wünschen und Fähigkeiten der Teilnehmer*innen. Themen ergaben sich aus dem Jahresverlauf: Kerzengießen, Windlichter, Laternen basteln im Herbst, Gestecke in der Advents- oder Osterzeit, Weihnachtsdekoration. Aber auch jahreszeitlich ungebundene Arbeiten wie Schmuck, Schalen, Mobiles und vieles mehr wurde gefertigt. Nachhaltigkeit und Upcycling war immer wieder Thema in der Gruppe: Was ist an Materialien vorhanden und was kann daraus hergestellt werden? Papier, Eierkartons, Stoffe, Garne, Schnüre, Naturmaterialien – all dies gehörte zur Grundausstattung  der Bastelgruppe. Kleber, Farben, Perlen mussten hinzugekauft werden. Das Themenfeld Collage war in der Bastelgruppe immer sehr beliebt. Eine Annäherung an das Thema „Junk Journaling“ erfolgte mehrfach mit Kurzseminaren im Rahmen der damaligen Sommerakademie (Die Sommerakademie wurde jährlich von der Tagesstätte Nord organisiert und für den Stadtteil geöffnet.) In dem davon unabhängigen Buchprojekt „24 Stunden von 365 Tagen“ traf sich eine Gruppe von Frauen über den Zeitraum eines Jahres einmal monatlich für zwei Stunden. Es entstanden Collagen, Texte oder Bilder aus dem Erlebten oder Erträumten der Teilnehmenden. Diese wurden in ausrangierte Bücher eingefügt und so entstanden neue, kreative Kunstwerke. Die NORDDEUTSCHE berichtete damals darüber.  Seit zwei Jahren nun besteht die aktuelle „Junk Journaling“-Gruppe – mit zunehmender Begeisterung.

Die kleine Runde plaudert und bastelt und die Zeit vergeht wie im Flug. Fehler, Missgeschicke, Widrigkeiten werden gelassen kommentiert und weiter geht’s; wenn sich eineVorstellung und Idee nicht umsetzten lässt oder wenn es schief läuft – wenn etwa im Eifer falsche Seite zugeklebt oder Farbreaktionen falsch eingeschätzt wurden – findet sich ein neuer Weg der Gestaltungsform: Sogenannte „Fehler“ werden rückblickend zu einem Bestandteil des kreativen Gestaltungsprozesses.

Junk Journaling in der Bastelgruppe der Tagesstätte Nord

Junk Journaling 

Mittagessen. Wir sitzen gemeinsam an einem Tisch im Wintergarten und löffeln leckere, frisch gekochte Gemüsesuppe. Ich habe Gelegenheit, Susanne zu fragen, was sie sonst noch so macht und wie sie zu einer YouTuberin wurde. Sie erzählt mir, dass sie als voll berufstätige Frau auf der Suche nach einem Nebenjob war, der ihr einen Ausgleich zu ihrer Arbeit als technische Zeichnerin geben sollte. Sie begann, Aquarellbilder zu malen und stieß dann auf das Junk Journaling, das zu dieser Zeit nur auf amerikanischen Kanälen zu finden war. Dies faszinierte sie sofort und sie begann, einen eigenen Kanal mit Anleitungen für „Junk Journaling“ auf YouTube zu produzieren und zu veröffentlichen. Inzwischen ist sie so erfolgreich, dass sie tatsächlich Geld damit verdient – was nicht so ganz einfach ist, wie ich erfahre. Seit 2020 filmt sie sich selbst bei der Kreativarbeit, schneidet und vertont die Filme und stellt sie bei YouTube ein. Sie hat inzwischen über 8000 Fans, die ihren Kanal abonniert haben. Sie schreibt dazu: „Was mich wirklich sehr glücklich macht, ist die Tatsache, dass ich durch meine Videos jetzt schon sooo vielen Menschen Inspiration geben durfte und das Feedback, welches ich in lieben Kommentare lesen darf, freut mich jeden einzelnen Tag.“

Die Einladung in die Gruppe der Tagesstätte Nord ist erst die zweite Veranstaltung, an der Susanne teilnimmt. Sie erzählt mir, dass sie den direkten Kontakt zu ihren Followern jedoch sehr schätzt und dass sie deshalb gern der Einladung von Elke in den hohen Norden gern gefolgt sei. Diese hatte schon eine ganze Weile die Aktivitäten der YouTuberin aus dem Schwarzwald verfolgt und den Kanal auch ihrer Bastelgruppe empfohlen. Elke erzählt: „Als ich Susanne das erste Mal zu diesem Thema auf You Tube sah, hat mir ihre Arbeit sofort gefallen. Ich war so angetan, dass ich ihre Videos den Bastelteilnehmerinnen empfohlen habe. Ich fand ihre Videos wunderbar unterhaltsam und gleichsam inspirierend, sie sind Einsteiger, Fortgeschrittene und Profis geeignet,  sehr gut veranschaulicht und unglaublich vielfältig in den Ausarbeitungen.“

Bollenhut Art Junk Journaling

„Frau Bollenhut Art“ in der Tagesstätte Nord

Auch bei den anderen Teilnehmerinnen der Bastelgruppe stießen die Videos auf regen Anklang. Als Susanne ein Preisausschreiben ausschrieb, machte eine der Teilnehmerinnen mit und gewann den dritten Platz: ein Karton voller Bastelmaterial für das geliebte Hobby. Die Freude war groß, sie bedankte sich überschwänglich bei „Frau Bollenhut“ und erzählte von ihrer Bastelgruppe und der engagierten Leiterin Elke. Prompt überraschte die YouTuberin Elke mit der Zusendung eines weiteren Bastelpakets. „Es wäre doch schön, wenn Susanne bei unserem Treffen dabei wäre“, war der Wunsch, der aus der Gruppe heraus entstand. Jasmin schickte Bilder der Arbeiten und des Basteltisches an Susanne. Susanne fand die Arbeiten gut und bekam ebenfalls Lust, diese Gruppe einmal kennenzulernen. Elke setzte sich mit Susanne in Verbindung und lud sie ein, die Bremer Gruppe doch einmal besuchen zu kommen. Und so geschah das für alle Unfassbare: Susanne sagte zu, fand bei Elke ein Übernachtungsquartier und verbringt nun den Tag in der Tagesstätte Nord.

Nach dem gemeinsamen Mittagessen ist es Zeit für eine Zwischenbilanz. Wo stehe ich gerade, wie geht es mir damit und was liegt mir sonst noch auf dem Herzen? Jede Teilnehmerin kommt zu Wort und es entsteht ein warmherziges und offenes Gespräch über das, was das Junk Journaling so mit jeder einzelnen macht: Wie durch das Basteln eine enge Freundschaft entstanden ist; wie es hilft, die eigenen Vorstellungen loszulassen und mit dem zu arbeiten, was da ist; wie man damit umgeht, wenn etwas daneben geht und man improvisieren muss. Gemeinsames Hobby und persönliche Anliegen verschmelzen. Es wird offen erzählt und geteilt. Von dem bevorstehenden Praktikum und welche Hoffnungen und Ängste mit dem Wiedereinstieg in die Arbeitswelt verbunden sind. Von Räumen, die für das liebgewordene Hobby erobert wurden. Wir fühlen uns sehr miteinander verbunden und ich bin tief berührt von der Freundlichkeit und Annahme, mit der hier jede so sein kann, wie sie ist. Und ausnahmslos jede der Frauen ist überwältigt und dankbar für den Besuch von Susanne alias „Frau Bollenhut“. Sie hat ihrem Besuch in der Tagesstätte ein eigenes Video auf ihrem Kanal gewidmet. Dies ist abrufbar auf https://www.youtube.com/watch?v=DmK1bG-7Ciw.

„Die vielen Eindrucke des Treffens wirken nach“, fasst Elke den besonderen Tag zusammen. „Wir sind inspiriert und dankbar für Susannes Besuch. Einfach großartig – wie sie ist, was sie macht und was sie bewirkt.“ So ein gelungenes Ereignis verlangt nach einer Fortsetzung. Und so ist ein weiteres Treffen mit Susanne für Herbst nächsten Jahres geplant – diesmal mit etwas mehr Zeit und einer Ausstellung der erarbeiteten Projekte am Ende des Workshops.

Dorothea Salzmann-Schimkus, Elke Oksas

 

Care Leaver

Care Leaver sind Jugendliche und Erwachsene, die einen Teil ihres Lebens in einer Pflegefamilie, Wohngruppe oder anderen Wohnformen der Jugendhilfe gelebt haben. Care Leaver müssen heute früher selbstständig werden, als das noch vor einigen Jahren der Fall war. Mit spätestens 21 Jahren werden sie ins Erwachsenen-Dasein entlassen – so hat es der Gesetzgeber beschlossen. Doch was passiert mit ihnen, nachdem sie die Pflegefamilie oder die stationäre Jugendhilfeeinrichtung verlassen haben? Kommen sie im Leben zurecht?

Die Studie „Care Leaver Statistics I Soziale Teilhabe im Lebensverlauf junger Erwachsener“ (CLS-Studie) ist die erste Langzeituntersuchung zum Verlassen der stationären Kinder- und Jugendhilfe.

Die Studie ist als bundesweite Langzeitstudie angelegt und findet im Zeitraum zwischen 2021 und 2030 statt und untersucht die Teilhabemöglichkeiten von jungen Erwachsenen im Übergang ins Erwachsenenleben. Erste Ergebnisse sollen in diesem Jahr (2023) vorliegen.

Seit Langem beklagte man einen Mangel an Daten über die jungen Menschen, die in Jugendhilfeeinrichtungen betreut wurden und ins Erwachsenenleben entlassen wurden. So wurde eine Langzeitstudie in Auftrag gegeben. Sie geht über sieben Jahre. In sieben „Wellen“ werden 16- bis 19-Jährige über alle Bereiche des Lebens befragt. Was unterstützt dich im Erwachsen- und Selbstständig-Werden? Wie gelingt Teilhabe? Wie ist deine Entwicklung? Hast du Arbeit oder/und einen Nebenjob? Wie sieht es mit sozialen Beziehungen aus? Über welches Netzwerk verfügst du? Wie steht es um deine Gesundheit? Wie hoch ist dein Einkommen? Wo und wie wohnst du? „Wir wissen immer noch zu wenig über die Lebensverläufe von Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die die Jugendhilfe verlassen,“ sagt der an der Studie beteiligte Prof. Dr. Wolfgang Schröer von der Universität Hildesheim.

Für die Studie wurden 1000 Jugendliche aus Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe sowie 1000 Jugendliche aus Pflegefamilien ausgewählt und angefragt. Ein Fragebogen wurde entwickelt. Die Befragung erfolgt über Infas persönlich oder telefonisch.

Im CLS-Forschungsverbund arbeiten Wissenschaftler:innen vom Institut für Sozial- und Organisationspädagogik der Universität Hildesheim, vom Deutschen Jugendinstitut, der Gesellschaft für innovative Sozialforschung und Sozialplanung und der Internationalen Gesellschaft für erzieherische Hilfen zusammen. Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, fördert die Studie.

Am 4. Juli 2022 besuchte Katharina Brüchmann, wissenschaftliche Mitarbeiterin des GISS, die Jugendwohngruppe Ju-Com, um Damian im Rahmen eines Pre-Tests zu befragen. Er hatte sich bereit erklärt, an dieser Studie mitzuwirken. Noch wohnt er in der Ju-Com, einer Wohngemeinschaft für Jugendliche, die in der Phase des Selbstständig-Werdens sind und dabei begleitet und angeleitet werden. Inzwischen ist ein Jahr vergangen und Damian wird in demnächst die Einrichtung in Vegesack verlassen.

 

Care Leaver

„Das Leben ist wertvoll. Man sollte jede Sekunde genießen.“

Das ist Damians Einstellung zum Leben. Trotzdem er es nicht immer leicht hatte, ist seine Haltung dem Leben gegenüber positiv;  er ist neugierig und erwartungsvoll.

Damian wohnt in der Jugend-WG Ju-Com. Er ist einer der Jugendlichen, die sich für die Befragung zur Verfügung gestellt haben. Er geht offen mit seiner Situation um und möchte damit anderen helfen, mit ihren Problemen fertig zu werden. Damian sieht auch in schwierigen Situationen Chancen, durch Erfahrungen zu lernen und voranzukommen.

Seinem Auszug, also dem „Care Leaving“ sieht er hoffnungsvoll entgegen. Er freut sich auf die Eigenständigkeit und hat schon feste Pläne, wie es nach seinem Schulabschluss weitergehen soll.

Foto oben: Mantas Hesthaven auf Unsplash
Foto links: Dorothea Salzmann-Schimkus